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Im Mondlicht

Der Waldboden war angenehm warm. Leichtes Mondlicht fiel durch das Blätterdach. Saviya sog die Eindrücke des Waldes in sich auf. Sie lag still im Gras und lauschte. Plötzlich hörte sie ein Rascheln im Gebüsch. Langsam schlich sie sich an und schob vorsichtig die Blätter beiseite. Dort saß ein Eichhörnchen, das hektisch an einer Nuss knabberte und die Nachtelfe nicht zu bemerken schien.
Saviya wagte kaum zu atmen, um es nicht zu verschrecken. Kurz schaute das Eichhörnchen sie an und widmete sich wieder seiner Nuss. Hatte es sie bemerkt?
Es spitzte seine Ohren, vergrub die Nuss schnell und huschte davon.
Saviya seufzte. Sie hatte das leise Klirren der Schildwachen-Rüstung ebenfalls vernommen.
„Da bist du ja, Saviya!“, hörte sie die vorwurfsvolle Stimme von Anaya hinter sich.
„Wir kommen zu spät zum Training.“
Saviya schaute betroffen zu Boden. „Entschuldige bitte. Ich habe die Zeit vergessen.“
Anaya stieß ihr leicht in die Seite. „Na komm schon.“ Sie lächelte und rannte los. Leichtfüßig folgte ihr Saviya zurück nach Astranaar.

Zwei Mondgleven prallten aufeinander. Das Metall ächzte, als die beiden Nachtelfen versuchten, sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Saviya konnte dem Druck nicht standhalten und wurde zurückgeworfen. Sie stolperte und fiel zu Boden. Ihre Kontrahentin holte aus und stieß zu. Nur wenige Zentimeter vor Saviyas Hals stoppte sie. Sie zog ihre Waffe zurück und nahm Haltung an.
Saviya atmete schwer.
Ein fester Griff am Arm zog sie in die Höhe. Raene Wolfsläufer sah sie streng an.
„Mehr Konzentration, Saviya.“
„Jawohl!“, Saviya salutierte.
Als sich Raene entfernt hatte, ließ sie die Schultern wieder hängen. Sie sah ihr Gegenüber an. Anaya verzog ihren Mund zu einem schadenfrohen Lächeln.
„In Zukunft suche ich mir eine andere Kampfpartnerin aus“, sagte Saviya frustriert und nahm ihre Waffe zur Hand.
Anaya war sofort wieder bereit und startete einen neuen Angriff. Doch dieses Mal verdrängte Saviya alles, was sie über Kampftaktik gelernt hatte und rief sich Worte ihres Vaters in Erinnerung, die sie kürzlich bei einem Gespräch zwischen ihm und ihrem Bruder aufgeschnappt hatte.
Beweglichkeit und Schnelligkeit sind die Vorteile der Katze. Sie schleicht sich heran und verschmilzt mit ihrer Umwelt. Sie ist stets wachsam. Sie beobachtet ihr Gegenüber genau und reagiert sofort auf seine Schwächen. Ihre Instinkte verraten ihr mehr, als andere wahrnehmen können.
Saviya wich Anayas Attacken leichtfüßig aus. Sie duckte sich und stieß Anaya mit dem Ellenbogen ins Kreuz. Anaya stöhnte und wirbelte herum. Saviya nutzte ihren Schwung, streckte ihr rechtes Bein zwischen Anayas Knie und zog es zur Seite. Anaya schaute überrascht, als sie stürzte und Saviya ihr die Gleve auf die Brust setzte.
Nun war es an ihr, zufrieden zu lächeln.

Saviya schlüpfte in die weiße Seidenrobe. Sie war ähnlich geschnitten, wie das Gewand der Mondpriesterinnen, jedoch nicht so prachtvoll bestickt.
Sie spürte ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Das war das erste Mal, dass die neuen Novizinnen bei der Anbetung assistieren durften.
„Ich hasse Kleider“, Anaya stand hinter Saviya, einen Arm in der Robe, der Rest des weitläufigen Stoffes hing verdreht an ihr herab und sie suchte verzweifelt nach dem anderen Armausschnitt. Saviya schlenderte zu ihr hinüber, entwirrte den weißen Stoff und half ihr, die Robe korrekt anzulegen.
„Eine Rüstung, in der ich mich bewegen kann, wie ich will, ist mir lieber.“ Anaya lächelte, als Saviya ihr die langen violetten Haare mit perlenbesetzten Bändern zusammenband.
Saviya schob einen ebenfalls mit Perlen besetzten Seidenreif in ihre kurzen mintgrünen Haare und betrachtete ihr beider Spiegelbild.
„Gehen wir, Schwester Astarii und die anderen werden sicher schon warten.“
Beide verließen ihr Zimmer im Haus der Novizinnen, das etwas unterhalb des Heiligtums lag.
Durch einen Seiteneingang gelangten sie in das Gebäude. In der Halle der Meditation, zu der nur die Schwesternschaft Zutritt hatte, versammelten sich die Priesterinnen und die fünf Novizinnen.
Astarii Sternsucher kam auf die jungen Nachtelfen zu und lächelte beruhigend. „Achtet nur auf die Priesterinnen und haltet euch im Hintergrund.“
Saviyas Herz klopfte bis zum Hals als die Priesterinnen paarweise durch den Kreuzgang zogen.

Die Große Halle des Heiligtums war gefüllt mit Kaldorei. Der hohe runde Raum war von einer Kuppel bedeckt, die von mehreren Säulen gestützt wurde. In der Mitte der Kuppel befand sich eine große Öffnung, durch die das Mondlicht fiel. Mitten in der Halle lag der Mondbrunnen, in dessen klarem Wasser sich der Vollmond spiegelte.
Die Priesterinnen reihten sich um den Brunnen. Stille herrschte.
Lariia stimmte ein Lied an. Eine alte Weise, welche die Mondpriesterinnen bereits sangen, als der Brunnen der Ewigkeit noch existierte und ihr Land unberührt war.
Saviya lauschte der altertümlichen Sprache, die in Bildern von der Erschaffung ihres Volkes erzählte. Und ihre Gedanken schweiften ab.

Das Flüstern des Windes

Nahezu lautlos streifte Saviya durchs Unterholz. Der leicht modrige Geruch des gefallenen Laubes stieg ihr in die Nase. Aus der Ferne hörte sie den einsamen Ruf einer Eule. Milder Wind blies ihr ins Gesicht und zersauste ihr langes Haar. Geschmeidig sprang sie über umgestürzte Baumstämme und niedrige Sträucher. An einem keinen Bächlein machte sie halt und nahm einen Schluck von dem klaren Wasser. Sie spitze ihre Ohren. Leise Stimmen waren zu hören. Sie lächelte. Habe ich euch gefunden, dachte sie mit Genugtuung. Sie wandte sich in die Richtung, aus der sie die Stimmen vernommen hatte und rannte los.
Der Wald lichtete sich langsam. Sanftes Mondlicht brach durch das Blätterdach. Sie musste nun vorsichtiger sein, um nicht entdeckt zu werden. Langsam nähere sie sich einer Lichtung, auf der die Gestalten von zwei Nachtelfen auszumachen waren. Saviya duckte sich und schlich leise heran. Sie suchte Deckung hinter einem Gebüsch und lugte durch die Zweige.
Einer der beiden Elfen kniete in Meditation versunken auf dem Boden, während der andere vor ihm stand und mit ihm sprach.
Saviya konnte nur Bruchstücke hören. Sie suchte die Umgebung nach einem näheren Versteck ab. Ihr Blick fiel auf einen hohen Baum, dessen starke Äste weit in die Lichtung hineinragten. Einem Schatten gleich kletterte sie auf den Baum und verharrte regungslos.
„Konzentriere dich auf das leise Flüstern des Windes,“ sagte der stehende Elf. „Seine Stimme ist wie ein sachtes Raunen.“
Saviya schloss die Augen und horchte. Sie nahm das leichte Rascheln der Blätter wahr. Es hörte sich wie eine allzu vertraute Melodie an, die sie unbewusst begann mitzusummen. Je länger sie dieser Melodie folgte, desto mehr hatte sie das Gefühl, auf ihr dahinzugleiten. Sie stellte sich vor, wie sie sich dazu bewegte, wie der Wind sie umgab und ihren Bewegungen folgte. Sie fühlte sich leicht, als würde sie getragen. Das Rascheln der Blätter wurde stärker und eine zunehmende Brise zersauste ihr Haar. Sie fühlte wie eine ungeahnte Kraft sie durchströmte. Und die Melodie, der sie gefolgt war, wurde zu ihrem Lied. Sie spürte, wie sie den Wind lenken konnte. Wie er ihr bereitwillig folgte, wenn sie ihn darum bat.
Etwas brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie öffnete die Augen und hielt sich fest, um nicht vom Ast zu fallen. Um sie herum tanzte das Laub gleich einer Säule, die sie umgab. Immer mehr Blätter wurden aufgewirbelt und rotierten schneller um sie. Nur mit Mühe konnte sie sich festhalten. Der Sog wurde immer stärker. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in ihr aus und sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
„Saviya!“
Saviya erschrak und zuckte zusammen. Sie verlor den Halt und fiel vom Ast. Schmerzhaft landete sie auf dem rechten Arm. Ein Stechen durchfuhr ihre Schulter und sie schrie auf.
Plötzlich war es wieder ruhig. Das Laub segelte langsam zu Boden und nur noch das Vogelgezwitscher war zu hören. Unsanft wurde sie hochgezerrt.
„Was tust du hier? Hab ich dir nicht verboten, uns heimlich zu folgen?“, Zornesfalten bildeten sich auf der Stirn des älteren Nachtelfen.
„Es tut mir leid, Vater!“, sagte Saviya kleinlaut und biss sich auf die Unterlippe.
Sowas dummes. Wie konnte das nur passieren. Ich war doch so vorsichtig.
Sie rieb sich die schmerzende Schulter und blickte zu Boden.
„Wie oft muss ich es dir noch sagen?“, seine Stimme klang strenger als sonst. „Dies ist nicht dein Weg!“
Saviya schaute ihrem Vater hoffnungsvoll in die Augen. „Aber ich spüre die Verbindung, Vater! Die Tiere, die Wälder, der Wind…sie antworten mir…sie folgen mir!“
„Aber du kannst diese Kräfte nicht kontrollieren! Dazu ist eine lange Ausbildung notwendig. Und der Zirkel wird dich niemals akzeptieren, das weißt du.“ Die Strenge aus seinem Blick wich und ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Würde die Schwesternschaft Nathariel als Novizen annehmen?“ Er sah zu dem jüngeren Elfen hinüber, der der Unterhaltung stumm folgte. Saviya erkannte, wie ihr Bruder das Gesicht verzog.
„Natürlich nicht!“, sagte sie entrüstet. Sie wollte noch etwas darauf antworten, erkannte aber die Sinnlosigkeit dieser Diskussion und rieb sich wieder die schmerzende Schulter.
„Das war das letzte Mal, dass ich dir diese Eigenmächtigkeit habe durchgehen lassen, Saviya. Von einer angehenden Mondpriesterin wird ein anderes Verhalten erwartet. Das nächste Mal wird Astarii davon Kenntnis erhalten.“ Der ernste Gesichtsausdruck war wieder zurückgekehrt und der Unterton in seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie dieses Mal den Bogen deutlich überspannt hatte.
„Ich verstehe!“, sagte Saviya leise. Sie verneigte sich vor ihrem Vater und nickte Nathariel kurz zu. Mit wenigen Schritten war sie im Dickicht des Waldes verschwunden.

Der Abschied

Saviya stand am Steg des Sees, der Astranaar umgab. Eine milde Brise wehte über das Wasser. Hinter sich hörte sie leise Schritte auf dem Holz. Sie warf einen kurzen Blick zurück und erkannte ihren Vater.
„Friede sei mit dir, Saviya“, sagte er mit ruhiger tiefer Stimme.
Saviya neigte leicht den Kopf. „Und mit dir, Vater.“
Er sah sie mit einem prüfenden Blick von oben bis unten an und seine Gesichtszüge entspannten sich etwas.
„Die Priesterinnenrobe kleidet dich. Sei dankbar, dass Elune dich mit dieser Aufgabe gesegnet hat.“
Saviya wich seinem Blick aus. „Ja,“ sagte sie knapp. „Du hast mir keine Wahl gelassen.“ Der ältere Nachtelf legte die Stirn in Falten. „So viele Monde sind vergangen und deine Sturheit hat nicht nachgelassen. Die Jägerinnen der Schildwache hätten deine Talente zu nutzen gewusst. Aber du strebst lieber nach dem, was für dich nicht erreichbar ist.“ Ein langer Seufzer entfuhr ihm.
„Ich bin nicht für den Kampf geboren,“ sagte sie leise und blickte auf den See.
Isathur schüttelte nur den Kopf und schwieg. Lange standen sie stumm nebeneinander, bis er das Wort ergriff. „Ich habe gehört, du reist nach Winterquell?“ fragte er kühl.
„Ja, ich habe darum gebeten, einer Einheit der Wintersäbler-Ausbilder zugewiesen zu werden. Ich fühle mich im Heiligtum gefangen. Die freie Natur und den Umgang mit den Tieren ziehe ich vor.“
Ihr Vater nickte.
„Man hat mich gerufen, in den smaragdgrünen Traum zurückzukehren und meine Brüder zu unterstützen.“
Saviya schaute ihren Vater an. „Was ist mit Nathariel?“ Bisher hatte er diesen Befehl stets verweigert mit der Begründung, die Ausbildung seines Sohnes hindere ihn daran.
„Der Zirkel nimmt ihn als Mitglied auf.“
Saviya spürte einen Stich im Herzen. Sie wusste, dass dieser Tag kommen würde und doch berührte sie diese Nachricht in ihrem Innersten.
„Ich…freue mich für ihn“, sagte sie zögernd.
Isathur legte seine Hand auf Saviyas Schulter und sie zuckte durch diese ungewohnte Berührung leicht zusammen.
„Elune und Malorne geleiten dich auf deinem Weg, mein Kind. Wir sehen uns wieder, wenn du deinen Platz in der Welt akzeptiert hast.“ Er sah ihr in die Augen und zum ersten Mal erkannte Saviya ein warmes Lächeln in seinem Blick.
„Elune wache über dich, Vater“, sagte sie. „Meine Gebete werden dich begleiten.“
Isathur drückte ihre Schulter und nickte knapp. Saviya verbeugte sich und sah ihm nach, wie er den Steg entlangging, in der Hoffnung, er würde sich noch einmal umdrehen. Doch er tat es nicht.

Saviya schritt die Stufen zum Heiligtum empor. In der großen Halle hielt sie inne und dachte noch einmal an ihre Weihe vor wenigen Tagen. Von den Novizinnen hatte sie als einzige den Weg der Priesterin gewählt. Die anderen wurden nach ihrer Dienstzeit im Heiligtum verschiedenen Einheiten der Schildwache zugeteilt, um dort ihre Ausbildung fortzusetzen.
In ihrer Unterkunft angekommen, legte sie die schneeweiße, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Robe der Mondpriesterin ab und zog bequeme Kleidung aus Leder an. Auf ihrem Bett standen bereits zwei gepackte Rucksäcke, die sie an dem Sattel des Nachtsäblers befestigte, der geduldig draußen auf sie wartete. Sie schwang sich auf den Rücken des Tieres und ritt langsam die breite Straße durch Astranaar gen Süden. Etwas außerhalb der Stadt machte sie an einem kleinen Haus halt. Innen brannte noch Licht und so trat sie ein.
„Saviya, mein Kind!“, ihre Mutter sprang vom Tisch auf, an dem sie Kräuter gemahlen hatte und umarmte sie. Saviya schloss die Augen und hielt ihre Mutter kurz fest.
„Ich reise nach Winterquell“, sagte Saviya knapp.
„Ich weiß,“ ihre Mutter trat an ein Regal an der Wand und nahm mehrere Fläschchen herunter. „Hier, nimm diese Elixiere mit. Du wirst sie auf der langen Reise brauchen.“
Saviya nickte und verstaute sie in ihrer Leinentasche.
Leise ging sie in das kleine Zimmer nebenan und trat an das Bettchen heran, in dem seelig eine kleine Nachtelfe schlief. Sie strich ihr die silbernen Haare aus dem Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Das Mädchen zuckte mit den Ärmchen, schlief aber weiter.
„Elune schütze euch,“ sagte sie zu ihrer Mutter und verließ das Haus. Die ältere Nachtelfe folgte ihr zur Tür und winkte, als Saviya ihrem Säbler leise etwas ins Ohr flüsterte und einem schmalen Pfad in den dichtbewachsenen Wald folgte.

Winterquell

Ein kalter Wind blies ihr ins Gesicht. Der Himmel hing voller dunkler Wolken. Bald würde es wieder schneien. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter den hohen Bergen im Westen. Beste Bedingungen für die Jagd.
Die Paarungszeit der Frostsäbler hatte begonnen und hunderte von Tieren zogen gen Norden zum Frostsäblerfelsen. Doch auch andere Raubtiere kamen nun in diese Gegend, die hofften in den vom Zweikampf geschwächten Männchen eine leichte Beute zu finden.
Saviya blieb stehen und spitzte die Ohren. Ein dumpfes Brummen war zu hören. Sie deutete in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.
Grazil bewegte sich die kleine Gruppe Nachtelfen durch den tiefen Schnee. Jede von ihnen trug einen Bogen und ein kurzes Schwert an der Seite. Sie schlichen den Hügel empor und blickten in die Senke. Ein braunschwarzer Bär scharrte den Schnee beiseite und grub immer wieder seine Schnauze in das größer werdende Loch. Was auch immer er gewittert hatte, erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.
Saviya setzte vorsichtig einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens. Sie zögerte einen Moment und gerade als sie den Pfeil losließ, sackte sie einige Zentimeter in den weichen Schnee. Der Schuss streifte die Schulter des Bären und ein wutentbranntes Gebrüll erfüllte das weite Tal.
Weitere Pfeile surrten durch die Luft und bohrten sich in den Leib des Bären. Geifer tropfte aus seinem Maul, als er sich wild auf die Elfen stürzte. Saviya hatte ihr Schwert gezogen und holte zum Schlag aus. Der Bär riß sie von den Füßen und schleuderte sie mit einem Prankenhieb einige Meter in den tiefen Schnee. Blut strömte seinen Rücken hinunter, als er sich vor ihr zu seiner vollen Größe aufbaute. Die anderen Elfen fielen ihn von hinten an, was ihn kurzzeitig ablenkte. Saviya war wieder auf den Beinen und setzte zum Schuss an, als sie ein Kreischen über sich hörte.
Eine schwarze Krähe mit ungewohnt großer Flügelspannweite stürzte sich auf den Bären und krallte sich in seinem Nacken fest. Der Bär schüttelte sich, konnte den Vogel aber nicht loswerden. Seine Bewegungen wurden langsamer. Der Blutverlust und die schweren Verletzungen, die sie ihm zugefügt hatten, ließen seine Kräfte schwinden. Als der Widerstand schwand, ließ die Krähe von ihm ab. Saviya hatte immer noch den Bogen gespannt und ließ ihn nun sinken. Die Krähe stieg mit einem lauten Kreischen in die Lüfte und war wenige Augenblicke später in den dunklen Wolken verschwunden.
Große Schneeflocken schmolzen in der warmen Blutlache, die sich um den Kopf des Bären bildete.

Saviya verließ das Haus und entfernte sich ein ganzes Stück. Der Schneefall hatte aufgehört und am Horizont spitzelten die ersten Lichtstrahlen des neuen Morgens über die Bergwipfel.
Sie hörte den langsamen Flügelschlag und einige Haarsträhnen wirbelten ihr ins Gesicht, als sie sich umsah.
Ein müdes, aber erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Es tut gut, dich zu sehen!“
Aus goldenen Augen sah sie ein hochgewachsener Nachtelf an. Tiefgrünes Haar umrahmte sein wettergegerbtes Gesicht. Er nahm ihre schmalen Hände und legte sie in die seinen.
„Eure Jagd war erfolgreich?“ Spitze weiße Zähne kamen zum Vorschein, als er vergeblich versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.
„Du sollst uns doch nicht folgen!“ Ihr Ton klang vorwurfsvoller als beabsichtigt.
„Ich folge nicht euch, ich folge dir!“ Sein Grinsen wurde breiter.
Saviya spürte, wie ihr Blut in den Kopf schoss. Trotz des kalten Windes glühten ihre Wangen.
„Die Schwestern reden schon,“ sagte sie leise.
„Sollen sie reden!“ Der Elf sah sie an. „Dein Dienst ist beendet?“
Saviya nickte.
„Ich will dir einen ganz besonderen Ort zeigen. Einen Ort, der fasst schon in Vergessenheit geraten ist. Aber gerade du als Priesterin solltest ihn kennen.“
Saviya spürte die Schmerzen in ihrer Schulter vom Sturz während dem Kampf mit dem Bären. Doch ihr Herz konnte dem Angebot nicht widerstehen.

Die Wache am Stall lächelte nur, als sie ihren weißen Frostsäbler sattelte und möglichst leise hinausführte.