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Der verschwundene Zwerg

Saviya blickte besorgt auf Demètor, während sie die blutdurchtränkten Verbände wechselte. Sie legte ihre Hände auf seinen Oberkörper und sprach ein leises Gebet. Ein helles, weißgrünliches Leuchten ging von ihren Fingern aus und breitete sich auf Demètors geschundenen Leib aus.
„Geheiligte Elune, verleih ihm innere Stärke und einen festen Willen. Heile seine Wunden und stärke seinen Geist.“ Noch nie hatte sie solche schweren Verletzungen gesehen. Sie vermutete, dass sie von Folter herrührten. Er hatte besorgniserregend viel Blut verloren und noch immer konnte sie die Blutungen nicht stoppen. Demètors Körper war ausgemergelt und ein dunkler Schatten lag auf seinem Gesicht. Er musste dringend besser behandelt werden, sollte sein Leben, das nach wie vor an einem seidenen Faden hing, gerettet werden.
Saviya benetzte seine Lippen mit etwas Wasser. Seit sie die Höhlenbauten der Neruber verlassen hatten, hatte er das Bewusstsein nicht wieder erlangt. Sie bedeckte ihn mit einem Fell und zog die Zeltplane zu, um ihn vor der eisigen Kälte der Drachenöde zu schützen. Sie stapfte durch den Schnee zu Kondo, der mit einem der Händler sprach. Als er Saviya sah, nickte er dem Nachtelfen zu und kam ihr entgegen.
„Er kann ein ruhiges Reittier beschaffen, aber es dauert ein paar Tage“, sagte er.
Saviya warf einen Blick zu dem Zelt, in dem Demètor lag. „Ich hoffe, er ist stark genug für die lange Reise.“
„Was kann ich tun, um zu helfen?“, fragte Kondo besorgt.
„Beten“, Saviya wandte sich ab und ging zu den verfallenen Ruinen, die am Rande des Stützpunktes im Schnee lagen. Sie setzte sich und holte ihr Notizbuch hervor.

Wir haben Demètor aus den Fängen der Geißel befreit. Doch es steht schlecht um seine Gesundheit. Er braucht schnellsten fachkundige Hilfe. Wir bringen ihn nach Darnassus.

Saviya blickte auf. Der kalte Wind ließ sie frösteln. Ihre Gedanken schweiften ab zum gestrigen Tag und wie sich die Ereignisse plötzlich überschlagen hatten.
Sie hatte gerade Kondo davon in Kenntnis gesetzt, dass sie nach Jodis Berichten glaubte, bei der Verschleppung eines Zwerges, die die Schildwachen beobachtet hatten, könne es sich um Demètor handeln. Da machte eine dunkle Gestalt auf sich aufmerksam und bedeutete ihnen, ihr zu folgen.

Was sie über Demètors Verschwinden wusste, machte Saviya misstrauisch, aber schließlich konnte der Fremde sie zu dem Ort führen, an dem der Zwerg vermutet wurde.
Sie betraten Azjol-Nerub, jenes alte Reich, das die Spinnenwesen bewohnten seit ihre Zivilisation gespalten und ihr Volk noch Norden getrieben worden war. Doch diesem Ort haftete der Geruch des Todes an. Sie waren der Verderbnis der Geißel anheimgefallen. Oder hatten sie sich freiwillig unterworfen? Ihre Zahl war gewaltig. Und jedem Wesen, das sie niederstreckten folgten weitere nach.
In den Höhlen fanden sie eingesponnene Kreaturen, die sich qualvoll in ihren Kokons wanden. Das Material war so robust, dass sie sie nicht befreien konnten.
Doch ihr dunkler Begleiter schien mit ihnen zu kommunizieren und führte sie weiter durch das unübersichtliche Höhlensystem.
Schließlich gelangten sie in eine unterirdische Stadt.
Und hier fanden sie Demètor, mehr tot als lebendig.
Saviya hoffte nur, dass es nicht schon zu spät war.

Sie nahm wieder ihre Feder zur Hand.
Beunruhigende Erkenntnisse habe ich hier gewonnen. Tyrande muss darüber informiert werden. Ich brauche mehr Leute. Es ist an der Zeit heimzukehren.

Zurück in Darnassus

Saviya saß am Schreibtisch in ihrem Gemach im Haus der Tempelwache. Schriftrollen und Karten stapelten sich darauf. Zu oberst lag ein Codex aufgeschlagen, der in der Sprache der Menschen verfasst war. Saviya blätterte in dem Codex hin und her. Doch sie schien nicht das zu finden, was sie suchte. Sie nahm das Medaillon, das sie im leeren Krankenbett Demètors gefunden hatte, und drehte es im schwachen Schein der Kerzen. Das Wappen zeigte ein Schild und drauf erhaben ein Schwert. Es war sehr schlicht gehalten, ohne Schnörkel und Verzierungen.
„Die Klingen von Rabenholdt“, murmelte sie vor sich hin. Sie klappte den Codex zu und legte das Medaillon in eine Schatulle. Die Nacht war kühl und eine leichte Brise wehte, als sie auf den Balkon trat. Sie ließ ihren Blick über Darnassus schweifen und sog den bekannten Duft in sich auf. Die innere Unruhe, die sie in Nordend stets begleitet hatte, hatte sich gelegt. Doch dafür plagten sie neue Sorgen. War es richtig gewesen den schwerverletzten Demètor hierher zu bringen? Warum ließ sich sein Zustand nicht stabilisieren? Und nun war er verschwunden, obwohl sie Wachen zu seinem Schutz hatte postieren lassen. Alles was geblieben war, war sein Wappenrock und dieses Medaillon.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief ein. Ein stechender Schmerz fuhr ihr in die Hüfte und erinnerte sie daran, dass sie selbst noch der Schonung bedurfte. Doch dafür war keine Zeit.
Tyrande hatte ihr weitere Schildwachen zugesagt. Wenn die Vorbereitungen abgeschlossen waren, würde sie zurück nach Sternenruh reisen.
Doch der Zirkel saß ihr im Nacken. Fandral hatte den Vorfall mit Demètor sofort für seine Zwecke zu nutzen gewusst und ihr vorgeworfen, die Belange des Zirkels zu ignorieren. Weder über den Weltenbaum noch zu den Aktivitäten der D.E.T.H.A. hatte sie bisher etwas herausgefunden.
Sie ballte ihre Hand zur Faust. Auch Mathrengyl Bärenfährte reagierte abweisend, als sie um ein Gespräch über ihre Erfahrungen in Nordend bat. Sie fühlte sich verlassen. Cenarius’ Weg zu folgen stellte sie auf eine harte Probe. Von wem konnte sie noch Hilfe erwarten?
Sie verließ das Haus der Tempelwache Richtung Mondtempel. Hier hoffte sie Ruhe und Besinnung zu finden für die Entscheidungen, die sie treffen musste.


Saviya hatte das Torhaus gerade verlassen und ging zum Tempel zurück.
Kondo konnte die Herkunft des Amulettes, das sie an Demètors statt gefunden hatte, bestätigen. Der Gardist in den Händen von Dieben und Mördern?
Wie der Täter ungesehen das Haus der Tempelwache betreten konnte, war immer noch nicht geklärt. Elanaria hatte eine Untersuchung angeordnet, doch bisher ohne Ergebnisse.
Saviya hatte die Verantwortung für die Auffindung von Demètor Kondo anvertraut. Sie war sich sicher, dass der junge Mensch nicht nur Mitgefühl für seinen Kameraden empfand, sondern dass es für ihn auch an der Zeit war, das Kommando eines Auftrages zu übernehmen.
Und wieder stellte Themroc ihre Entscheidung in Frage.
„Du weißt, wen du da in die Tempelwache aufgenommen hast?“ Fylerians Worte kamen ihr wieder in den Sinn.
Saviya atmete tief durch. Sie hatte sich stets aus dem politischen Gerangel zwischen Fandral und den Druiden der Mondlichtung herausgehalten. Im Smaragdkreis hatte sie ihren Platz und ihre Fürsprecher. Ansonsten galt ihre Loyalität ausschließlich Tyrande.
Langsam hatte sie den Eindruck, dass Fandral seine Hände auch nach der Tempelwache ausstreckte. Das konnte sie nicht zulassen. Sie würde ihre Zirkelbrüder etwas genauer im Auge behalten müssen.


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